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Weitere Erosion der Kirchen in Tschechien

Neue Volkszählung dokumentiert wachsende Distanz zum organisierten Christentum - von Christof Lange, Prag

Am 15. Dezember, genau an dem Tag, als die tschechische Regierung das nicht unumstrittene neue Gesetz zur Entschädigung der Kirchen verabschiedete, veröffentlichte das staatliche Statistikamt in Tschechien die vorläufigen Ergebnisse der im März 2011 abgehaltenen Volkszählung, die neue Einblicke in die religiösen Situation in Tschechien liefern.

Danach verlieren die größeren christlichen Kirchen, die seit jeher in Tschechien nur eine Minderheit repräsentieren, weiter kontinuierlich Anhänger. Seit der Volkszählung 1991 sank die Zahl derer, die sich zur Mitgliedschaft in der Römisch-katholischen, tschechoslowakisch-hussitischen oder evangelisch-brüderischen Kirche bekennen, auf etwa ein Viertel. Die 1,1 Millionen Katholiken repräsentieren heute noch ungefähr 10% der Bevölkerung, während die größte protestantische Kirche, die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder nur ein halbes Prozent der Tschechen zu ihren Anhängern zählen kann.

Etwas anders sieht es bei den kleineren, überwiegend protestantischen Kirchen aus, die in den letzten zwei Jahrzehnten zwar nicht spektakulär gewachsen sind, aber durch die Gründung neuer Gemeinden und Evangelisationsaktivitäten ihren Anteil doch merklich vergrößern konnten. So hat etwa die sich als evangelikal verstehende Brüderkirche (Církev bratrská) seit der letzten Volkszählung 2001 wieder 10% zugelegt und inzwischen die Schwelle von 10.000 Mitgliedern überschritten. Auch die orthodoxen Christen nehmen (vor allem migrationsbedingt) in der Tschechischen Republik zu.

Die Volkszählungen sind aber vor allem auch ein Gradmesser für das Ansehen der Kirchen in der Gesellschaft. Die in der Befragung gewonnenen Daten stimmen nicht unbedingt mit den internen Zahlen der Kirchen überein. Nach der politischen Wende von 1989, als die Kirchen in der Tschechoslowakei ein überaus hohes Ansehen genossen, hatten etliche nur noch passive Kirchenmitglieder sich auf ihre kirchliche Herkunft besonnen. Das über zwanzig Jahre lang währende Tauziehen um die Rückgabe des im Sozialismus verstaatlichte Kircheneigentum hat dagegen das Image der Kirchen merklich negativ beeinflußt. Vor diesem Hintergrund ist vor allem eine Zahl aus der neuen Erhebung interessant: Über 700.000 Einwohner gaben auf dem Fragebogen an, sie seien zwar religiös, aber gehörten keiner organisierten Kirche an.

Daß allerdings nur noch etwas über die Hälfte der Befragten überhaupt eine Angabe zur Religionszugehörigkeit gemacht haben, mindert die Aussagekraft der neuen Zahlen doch erheblich. So verblüffte das Tschechische Statistikamt bei seiner Pressekonferenz Journalisten und Öffentlichkeit mit der Feststellung, daß die am schnellsten wachsende Kirche die sich über das Internet ausbreitende "Religion" der Jedi-Ritter sei. Diese habe mit rund 15.000 Anhängern nicht nur die Zeugen Jehovas überholt, sondern auch deutlich mehr Anhänger als die meisten kleineren protestantischen Minderheitskirchen vorzuweisen.

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